Die Leaky Pipeline und die Wirkung von Frauenquoten in Organisationen
Margit Osterloh, Katja Rost, Pierrette Lamezan, Maria R. Augstburger im UFSP "Human Reproduction reloaded" https://www.humanreproduction.uzh.ch/en.html
Wie verändern Gleichstellungs- und Diversitätsmaßnahmen die Karrierewege von Frauen und Männern – und warum besteht die Leaky Pipeline fort, obwohl Quoten längst eingeführt wurden?
Das ist die zentrale Frage des Projekts „Die Leaky Pipeline und die Wirkung von Frauenquoten in Organisationen“.
In vielen europäischen Ländern machen Frauen heute die Mehrheit der Hochschulabsolventinnen aus. Dennoch sinkt ihr Anteil mit jeder höheren Karrierestufe – ein Phänomen, das als Leaky Pipeline bezeichnet wird. Frauen scheiden im Verlauf ihrer Laufbahn überproportional häufig aus, insbesondere an Übergängen zu Leitungspositionen. Um diesem Trend zu begegnen, wurden in den letzten Jahren vielerorts Frauenquoten und Diversitätsinitiativen eingeführt. Doch die Erfahrungen sind zwiespältig: Der Frauenanteil ist zwar gestiegen, gleichzeitig zeigen sich neue Dynamiken – etwa kürzere Amts- und Verweildauern von Frauen in Toppositionen oder Unsicherheiten in gemischtgeschlechtlichen Führungsteams.
In unserem Forschungsprojekt möchten wir besser verstehen, wie und warum Frauen trotz hoher Qualifikation und formaler Gleichstellung seltener Spitzenpositionen erreichen – und welche strukturellen wie kulturellen Mechanismen dahinterstehen. Uns interessiert besonders, ob Quoten und Diversitätsprogramme den ungleichen Aufstieg tatsächlich mildern oder ob sie unbeabsichtigte Nebeneffekte erzeugen, die bestehende Unterschiede sogar verstärken.
Wir verwenden theoretische und empirische Zugänge aus der Organisationsforschung, der Wirtschafts- und der Politikwissenschaft. Methodisch arbeiten wir quantitativ, um messbare Muster in Karriereverläufen und Organisationsstrukturen zu untersuchen, und qualitativ, um Sinnzusammenhänge, Wahrnehmungen und Erfahrungen der Betroffenen sichtbar zu machen. So möchten wir verstehen, weshalb die Leaky Pipeline in manchen Bereichen nahezu geschlossen werden konnte, in anderen aber weiterhin besteht.
Mit unserem Projekt leisten wir einen theoretischen und praktischen Beitrag. Wir wollen theoretisch erklären, wie individuelle Präferenzen, gesellschaftliche Rollenbilder und institutionelle Regeln zusammenwirken. Zugleich möchten wir Organisationen dabei unterstützen, Gleichstellungspolitik wirksam und nachhaltig zu gestalten – jenseits von kurzfristiger Symbolik.
Unser Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Chancengleichheit in Führungs- und Wissenschaftskarrieren realisiert werden kann, ohne individuelle Unterschiede zu nivellieren. Wir fragen, was Organisationen aus erfolgreichen Gleichstellungsstrategien lernen können, und welche Anpassungen nötig sind, damit die Leaky Pipeline endlich versiegt.